Freitag, 29. Juni 2007

Thomas Clark: Der Filmpate. Der Fall des Leo Kirch

Flotte Schreibe hat er ja, der Thomas Clark. Das Buch scheint auch sauber recherchiert (soweit ich das überblicken kann) und ist alles in allem sehr gefällig. Hinzu kommt noch die wirklich fantastisch anmutende Geschichte, die echt ein Buch wert ist.

Kleinere Patzer sind, dass Herr Clark ab und zu mal ein Fremdwort verwechselt (zB Protagonist statt - wohl - Protegé) und dass er so ein, zwei "Thesen" hat (damit die Leute in den Wirtschaftszeitschriften bei ihren Rezis dann schreiben können "Clarks These ist...") und diese Thesen einem etwas penetrant um die Ohren haut (zB "Kirch ist ein sehr loyaler Mann und belohnt auch seinerseits Loyalität. Ein richtiger Pate eben"). Der Aufbau ist auch etwas gewöhnungsbedürftig, es wird so ein bißchen herumgesprungen, aber das lässt sich wirklich gut lesen.

Interessant ist auch, dass das Bild Kirchs letztlich steril bleibt, irgendwie objektiv. Herr Kirch versteht es wirklich immer noch, sich nicht in die Karten sehen zu lassen.

Mittwoch, 30. Mai 2007

Thor Kunkel: Endstufe

Das Medienecho um dieses Buch war ja ganz heftig. Und in diesem Fall ist der Titel „kontrovers“ durchaus auch gerechtfertigt. Kunkel liefert mal so richtig einen Skandalroman ab. Seine pseudo-houellebeqschen Thesen sind tatsächlich ganz interessant, verkommen allerdings im Laufe dieses 500plus-Seiten-Schinkens eher zur Nebensache. Entschlossen geht Kunkel hier auf den Skandal zu: Vergwaltigende Russen, fröhliche Nazis, jeder Satz ein Feuerwerk. Aber so etwas ermüdet auch irgendwann. Dieses streberhafte von Pointe zu Pointe hetzen hat etwas pornographiehaftes, auf die Dauer leider einfach langweilendes. Dennoch bleibt so einiges zu loben, Sprache und auch Stil wissen, bevor die Ermüdungserscheinungen einsetzen, durchaus zu gefallen.

Im Übrigen bleibt festzustellen, dass dieses Buch wirklich tiefe Moralprobleme hat. Damit ist nicht das Thema gemeint, nicht die Sprache o.ä. – sondern diese Lust an der Bosheit, die einfach aus jeder Seite quillt, das hat mir die Lektüre auf die Dauer etwas vergällt.

Sonntag, 13. Mai 2007

Francois Lelord: Hector und die Geheimnisse der Liebe

Man soll sich keine Bücher aussuchen, von denen man weiß, dass man sie nicht mögen wird. Dafür ist die Zeit zu knapp, und es ist auch ungerecht, dem Autor gegenüber. Trotzdem war ich neugierig, man soll ja andererseits auch offen bleiben. In diesem Fall war das allerdings keine gute Idee.
Lelords Stil ist wirklich nur für Psychologie-/Grundschullehramtsstudentinnen
der ersten Semester erträglich. Hoffe ich. So eine wiederlich süße, dicke Soße, eher Tunke, das verschlägt mir Sprache und Argumente. Scheußlichster Märchenonkelstil,
der auf diese pfiffig-reflektierte Weise präsentiert wird, die vorgibt, die richtige, augenzwinkernde Rezeption würde irgendetwas an diesem Verbrechen wider den Geschmack
besser machen. Ich aber sage: Mord bleibt Mord.
Mehr zu diesem Unfug zu sagen, verbietet die Höflichkeit.

Ich hatte so etwas schon geahnt. Andererseits gibt es ja manche Bücher dieser Art, die die schlechte Sprache und die dumme kleine Geschichte mit interessantem
Wissen wettmachen, denn letztlich bleibt hier die Geschichte nur Aufhänger und Leitfaden für die Betrachtungen über die Liebe, so dachte ich.
Pustekuchen. Die Erkenntnisse, die Lelord dem staunenden Leser stolz präsentiert, sind so ärmlich, dass ich tiefsinnigere Gespräche über die Liebe auf jeder schlechteren Hausparty in Hamburg Altona um fünf Uhr morgens gehört habe. Der Informationsgehalt dieses Buches bleibt bei null. Obwohl das die Pseudo-Märchenverpackung etwas anderes suggeriert (Stichwort: "ein kluges kleines Märchen"), bleibt das Buch in wirklich erstaunlichem Maße oberflächlich.
Insgesamt bleibt festzuhalten, dass es sich bei diesem Buch also nicht um ein in ein kleines Märchen und lustige Sprache verpacktes Sachbuch handelt, sondern
dass das kleine, dumme Märchen tatsächlich alles bleibt, was dieses Buch zu bieten hat.
Ein Irrtum.

Mittwoch, 25. April 2007

Martin Suter: Business Class

Dieser kleine Band enthält – wieder einmal – Geschichten aus dem Leben gestresster Top-/Medium- und Hilfsmanager. Wie auch die anderen Anekdotensammlungen zu diesem Thema sind auch diese Produkt der Kolumnentätigkeit Suters. Dementsprechend stellen die kleinen Geschichten auch eine Art Endverwertung dar. Mir drängte sich dabei eine Frage auf, die schon länger in mir gärt: Können solche Zeitungskolumnen, lustig, wie sie auch sein mögen, ein ganzes Buch tragen? Werden sie nicht mit der Zeit etwas fad, wenn man den Leserhythmus eines Buches zugrunde legt, die Geschichten also hintereinander weg liest, statt sie als kleine Appetithäppchen im trockenen Zeitungsdschungel zu entdecken?
Und wieder einmal will ich mir diese Frage nicht beantworten.
Tatsächlich sind die Geschichten wirklich sämtlich von gleich bleibender, guter Qualität. Lustig, nachdenklich, absurd, kaum eine, die diese Kriterien nicht erfüllen würde. Und so ist das Buch auch geeignet als kleine Coffetable-Alternative, als lustiges Geschenk für den BWL-er Freund, aber tatsächlich auch einfach zum gemütlichen Durchlesen im ICE, oder zum Mitschleppen in der S-Bahn. In diesem Fall also: ein richtiger Allrounder, aufgrund dieser besonderen schweizer Unaufdringlichkeit Suters überfällt einen hier nicht diese Pointenmüdigkeit, die es bei anderen derartigen Anthologien zu beweinen gibt. Daher bleibt es hier bei einer befriedigten Analyse, kein Grund in diesem Fall, in Grundsätzliches zu verfallen.

Martin Suter: Ein perfekter Freund

Der perfekte Freund eines Mannes, der nach einer Midlife-Crisis ohne Gedächtnis aufwacht, muss schon ein besonderer Mensch sein.

Thema dieses Buches ist die Freundschaft, sind die Beziehungen, die wir mit anderen Menschen knüpfen – und, es wäre sonst kein Suter-Buch, Gedächtnisverlust und das Erlebnis, als ein anderer wieder aufzuwachen, ohne Erinnerung an ein Selbst, das einem fremd erscheint.
Der Plot dieses Buches ist eleganter und weniger vorhersehbar gesponnen als jener der „dunklen Seite des Mondes“. Das mag auch an der ganzen Anlage des Buches liegen, mir kommt es allerdings auch so vor, als hätte der Autor hier mehr Sorgfalt auf das Spinnen des Plots verwandt. Letztlich, ließe sich sicherlich auch anführen, ist diese Plot-Anlage auch gar nicht so wichtig, schließlich nutzt Suter, wie jeder gute Kriminalautor, die spannende Krimi-Geschichte auch nur als Plattform für die ihn eigentlich interessierenden Fragen.
Umso wichtiger, sage ich, dass diese Plattform so sorgfältig und passgenau gearbeitet ist, dass sie als Bühne keinerlei Stolperfallen enthält, die vom eigentlichen Thema ablenken.
Meiner bescheidenen Meinung nach ist Suter all das in diesem Buch sehr gut gelungen. Man bleibt dran, an den Nachforschungen und Ermittlungen des gedächtnislosen Journalisten Fabio Rossi.
Sprachlich ist dieses Buch ein absoluter Hochgenuss. Mir fällt kaum ein deutschsprachiger (lebender) Autor ein, der dermaßen klar, prägnant und elegant schreibt wir Suter. Kein Zufall, dass dies ein wirklich häufig geäußerter Gedanke zu seinen Büchern ist. Es ist wirklich fantastisch, mit welcher Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit Suter hier seine Geschichte zu Papier bringt. Hatte ich Dürrenmatt im Zusammenhang mit Suter schon erwähnt? Ja, hatte ich, hier also noch mal der Hinweis, auch wenn dieser Hinweis noch so klischeebehaftet (Schweizer!) klingen mag.
Der geneigte Leser resümiert: Sprache toll, Plot gut, und ansonsten? Auch ansonsten bleibt das Buch nichts schuldig. Das Personal ist interessant, die Fragestellungen des Buches ebenfalls spannend. Dass Suter hier wieder einmal eine Persönlichkeitsveränderung beschreibt, stört dabei ebenfalls nur marginal, da auch die übrigen Fragestellungen des Buches, Freundschaft, Korruption, Treue und Liebe weite Räume eröffnen.

Eoin Colfer: Die Rache

Golfers Fowl-Saga geht weiter. Wie stehts überaus gut geschrieben, und auch die Übersetzung kann sich sehen lassen. Es ist wirklich eine angenehme Ausnahme, qualitativ dermaßen eloquente Lektüre im Bereich Pseudokinderfantasy (denn natürlich sind sehr, sehr viele Leser Golfers erwachsen) zu lesen.
Bleibt eigentlich nur, noch in der Story zu wühlen. Der Plot ist solide, wobei die Überraschungen diesmal größtenteils leider ausbleiben. Das Universum, das Golfer gestaltet hat, bleibt bunt und vielschichtig, erfährt allerdings keine größeren Erweiterungen. Einerseits natürlich schade. Andererseits ist auch dies ein Beweis für die geradezu professionelle Zurückhaltung, die angenehm unaufdringliche Eleganz des Autors. Als Faulheit will ich ihm diese Tatsache jedenfalls nur ungern auslegen. Etwas schade ist, dass die Geschichte recht umfangreich und fulminant-verschwörerisch loslegt, um dann in eine doch etwas schnelle Auflösung zu münden. Ein wenig mehr Schwierigkeiten für die Protagonisten, sich aus der unheilvollen Lage, in die sie Miss Opal gebracht hat, herauszulavieren, hätte ich mir schon gewünscht.
Eine weitere Tatsache enttäuscht den Fan ein wenig: Artemis scheint sich tatsächlich zum Besseren zu mausern. Eine überaus langweilige und blöde Entwicklung. Oder sind die Fortsetzungen von Fortsetzungen einfach immer etwas langweiliger und enttäuschender als die ersten ein, zwei Bände? Ich glaube eigentlich, das muss nicht so sein und freue mich schon jetzt auf den neuen Harry Potter. Oder anders gesagt: Golfer verpasst leider die Gelegenheit, sein Universum auf die Weise anzureichern, wie Miss Rowling das getan hat. Die Abenteuer von Artemis und seinen Freunden bilden zwar eine Art Story, bleiben dabei allerdings linear, anstatt einer ringartigen Ausdehnung. Dies mag man unter oben dargestellter Zurückhaltung subsumieren. Man könnte also argumentieren, dass Golfers Verzicht auf ein Epos zugunsten einfach konsumierbarer Action-Romane auch eine angenehm unaufgeregte Nichterfüllung der von Fantasy-Literatur erwarteten Klischees ist. Dennoch bleibt abzuwarten, wie viele Bände sich dann noch füllen lassen, bevor eine gewisse Ermüdung des Themas eintritt.

Marcus Hammerschmitt: Instant Nirvana

Marcus Hammerschmitt beginnt sein kleines Traktat gegen die Esoterik mit der Feststellung, es sei eigentlich alles gegen die Esoterik gesagt, von Adorno nämlich. Nach dieser Bemerkung erwartet man eigentlich so etwas wie ein „aber“. Kommt aber nicht. Hammerschmitt erklärt dann lieber sinngemäß, dass die Esoteriker zu dumm seien, Adorno zu verstehen, und er sich deshalb überlegt habe, lieber einen schlechteren Aufsatz wider die Esoterik zu schreiben, den könnten die Esorteriker dann wenigstens verstehen.
Das ist dann doch eine zweifelhafte Argumentationskette.
Der Zweifel wird dann gleich bestätigt. Denn: Eine schlechte Argumentation ist für niemanden einfach zu verstehen, vielmehr für jeden Leser eine Qual. Das zeigt der Autor schon im Vorwort, es wird dann allerdings zu keinem Zeitpunkt besser. Das logische Niveau dieses Büchleins bleibt im besten Fall dürftig. Der Autor verwechselt leider eindeutig eine „flott geschriebene Provokation“, oder was auch immer er sich da vorgestellt hat, mit einer argumentativ schwachen und daher mit Vorurteilen und Phrasen aufgepoppten Kleinigkeit.